Sunday, September 5, 2010
"Ohr in der Tasche" Artikel über Handyüberwachung von "der Spiegel"
Ohr in der Tasche (von "Der Spiegel")
Dank moderner Technik kann die Polizei Handys so programmieren, dass sie wie eine Wanze funktionieren - unbemerkt vom Besitzer.
Wenn es um die Abhörsicherheit von Mobiltelefonen geht oder gar um die Manipulation von deren Software, herrscht bei Herstellern und Netzbetreibern große Einigkeit. "Unmöglich", heißt es dann. "Technisch nicht machbar", oder "auf keinen Fall, ohne dass der Benutzer es merkt".
Zwar könnten Behörden Gespräche und Kurznachrichten mithören und -lesen, Standorte, Verbindungsdaten und -dauer feststellen. Das aber sei nur auf richterlichen Beschluss machbar, und die technischen Möglichkeiten seien damit auch ausgeschöpft.
So weit die Legende. In Wahrheit laufen in Deutschland derzeit mehrere Ermittlungsverfahren, in denen das Handy als Wanze eingesetzt wird. In diesen Fällen hat die Polizei die Software der Mobilgeräte so umprogrammiert, dass die Fahnder per Funksignal die Freisprecheinrichtung aktivieren und Gespräche in Wohnungen oder Autos mithören können. "Wir halten uns dabei streng an die gesetzlichen Vorschriften", sagt Kriminalkommissar Ludwig Waldinger vom Bayerischen Landeskriminalamt. Bei ausgeschalteten Mobiltelefonen, darauf legt er Wert, funktioniere diese Technik nicht.
Diese Antwort hat etwas Schelmisches. Denn viele Geräte lassen sich so umprogrammieren, dass der Besitzer zwar glaubt, er habe es ausgeschaltet - in Wahrheit aber bleibt das Handy in Betrieb. Spezialisten anderer Landeskriminalämter kennen diese Techniken ebenfalls, so etwa in Hamburg und Niedersachsen. Das Bundeskriminalamt (BKA), sagt ein Sprecher, nutze diese Möglichkeit derzeit nicht.
Das Thema ist äußerst sensibel. 84 Millionen Handys sind in Deutschland im Einsatz - mehr als das Land Einwohner hat. Der Handy-Markt boomt, die Hersteller bringen immer neue und komplexere Geräte heraus. Sie wollen ihre Kunden nicht verunsichern. Und die Polizei möchte sich bei ihren Methoden auch nicht in die Karten schauen lassen. Mehr als das Eingeständnis, dass ein Handy als Wanze eingesetzt werden könne, ist deshalb bei Fahndern wie Waldinger nicht zu holen.
Rechtlich spricht nichts gegen den Einsatz manipulierter Telefone. In der Strafprozessordnung, die das Abhören regelt, ist nur vom Einsatz technischer Mittel die Rede. Und ein Handy, so heißt es aus dem Bundesjustizministerium, sei ja schließlich nichts anderes.
Mögen Hersteller und Telefongesellschaften das trickreiche Umfunktionieren zu einer Wanze auch bestreiten: Der USamerikanische Mafioso John Ardito aus der berüchtigten Genovese-Familie ist genau auf diese Weise überführt worden, wie Akten des Richters Lewis Kaplan vom New Yorker Bundesbezirksgericht beweisen. Ardito hatte sich mit seinem Anwalt Peter Peluso stets an Orten getroffen, die er zuvor auf Wanzen überprüfen ließ. Was er nicht wusste: Das Ohr der Ermittler trug er in der eigenen Tasche - sein Handy war so präpariert, dass Fahnder des FBI mithören konnten.
"Das ist alles eine Frage der Programmierung", sagt Sebastian Gajek von der Ruhr-Universität Bochum. Die Ermittler verändern dazu die Software so, dass zwar das Display erlischt und keine Anrufe mehr ankommen. Aber auf ein bestimmtes Signal hin aktiviert sich die Freisprecheinrichtung, ohne dass es klingelt oder das Display aufleuchtet.
Während der Besitzer glaubt, das Telefon liege funktionslos auf dem Tisch, ist in Wahrheit eine Leitung geschaltet, die jetzt alle Geräusche aus der Umgebung überträgt. Der Besitzer kriegt davon nichts mit, wundert sich allenfalls, dass der Akku schon wieder leer ist.
"Wir wissen, dass das technisch möglich ist", sagt Jochen Schiller, IT-Experte an der Freien Universität Berlin, der schon das BKA beraten hat. Handys seien kleine Computer und per Funk programmierbar, wie es manche Hersteller völlig unbemerkt zu Wartungszwecken machen. Stille SMS würden von Sicherheitsbehörden versandt, etwa um ein Handy zu orten.
Man könne, so Schiller, sowohl das Handy als auch die SIM-Karte programmieren: "Das ist umso einfacher, wenn es ein Zusammenspiel mit dem Provider gibt, wovon man bei Sicherheitsbehörden ausgehen kann." Zudem gebe es bei der Polizei "ein paar fitte Leute".
Sie haben es besonders leicht, wenn es ihnen gelingt, das Gerät für eine kurze Zeit in die Hand zu bekommen. Die Manipulation funktioniert aber auch über Datenschnittstellen per Bluetooth, W-Lan oder Infrarot.
"Das Handy war nie sicher", betont Wilhelm Pütz, Referatsleiter Mobilfunksicherheit im Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). So könnten beispielsweise Trojaner verschickt werden - Programme, die sich in Bilddateien, Spielen oder Klingeltönen verstecken lassen.
"Das Abhören von Raumgesprächen", heißt es in einer BSI-Broschüre zum Mobilfunk, "kann nur dann sicher ausgeschlossen werden, wenn das Einbringen von Mobiltelefonen in den zu schützenden Raum verhindert wird." Ausschalten allein reiche nicht aus, da bei manipulierten Handys ein "unbemerkter Übergang in den Sendebetrieb nicht mit hinreichender Sicherheit" ausgeschlossen werden könne.
Absoluten Schutz vor der Handy-Spionage bieten nur zwei Optionen: den Akku rausnehmen oder einen "Handy-Blocker" benutzen. Der Störsender aus Israel kostet bis zu 4000 Euro und ist in Deutschland verboten. Aus gutem Grund - vermutlich.
Quelle http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-52263646.html
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